Landesgrenze auf dem Prüfstand
26.01.2010 20:20 UhrVon Katja Belitz
Landkreis Napoleon und seine Gefolgsleute hätten es wissen müssen, als sie vor 200 Jahren die Landesgrenze zwischen Bayern und dem heutigen Baden-Württemberg weitgehend bestimmten: Die fleißigen Schwaben auf beiden Seiten würden eines Tages nachmessen. Dabei kamen sie zu unterschiedlichen Ergebnissen. Nicht, weil sie mit zweierlei Maß gemessen hätten. Vielmehr wurden verschiedene Techniken angewendet. So jedenfalls begründet der Leiter des Günzburger Vermessungsamtes Herbert Völk, warum bis heute nicht klar ist, wo genau die Grenze liegt. Fest steht: Knapp 93 Kilometer davon werden jetzt neu bestimmt.
Mal geht es um Zentimeter, mal um ganze Meter
Ergebnisse an etwa 3000 Messpunkten müssen bis Juni vereinbart sein. Sie liegen im Grenzgebiet zu den Kreisen Heidenheim, Biberach, dem Alb-Donau-Kreis und zu Ulm. Das Günzburger Vermessungsamt ist auf bayerischer Seite für die Kreise Günzburg und Neu-Ulm zuständig. Wenn die beteiligten Vermesser nun an einem Tisch sitzen im Günzburger Vermessungsamt, geht es mal um Zentimeter und mal auch um Meter. Besonders groß sind die Abweichungen an Vermessungspunkten in Donau und Iller.
Laut Völk sei aber nicht zu erwarten, dass der Außendienst oft zum Einsatz kommt, um draußen noch einmal nachzumessen. Vielmehr soll überprüft werden, welches Land das genauere Messergebnis in seinen Ordnern hütet. Das hängt vom Alter des Wertes und damit von der Messmethode ab: Was zu Zeiten Napoleons noch mit dem Maßband ausgetüftelt wurde, bestimmen die Baden-Württemberger heute vor allem mithilfe von GPS und die Bayern mit einem elektronischen Tachymeter, das Winkel und Strecken misst. Die beiden modernen Methoden seien etwa gleich genau, glauben die Experten. Je neuer der Messwert, desto genauer das Ergebnis, lautet jetzt ihre Devise. Telefonisch und per E-Mail wollen sie ihre Werte vergleichen und dann Punkt für Punkt ein Ergebnis festlegen.
Beginnt nun also das Feilschen? Der Leiter des Fachdienstes Vermessung beim Landratsamt des Alb-Donau-Kreises Friedhelm Wilms beteuert: „Wir werden uns einig.“ Und sollte doch einmal etwas unklar sein, werde „sachverständig abgewogen“. Immerhin muss entschieden werden, ob die Bayern oder die Baden-Württemberger genauer gemessen haben. Einen Mittelwert soll es am Ende nicht geben. Das stellte der stellvertretende Leiter des Günzburger Vermessungsamtes und Leiter dieses Projektes, Franz Traßl klar. Andernfalls müssten beide Länder ihre Katastereinträge ändern.
Bislang schlummerten die Zahlen auf Listen, Karten und in Karteien bei den Katasterunterlagen der Vermessungsverwaltungen. Nun sollen sie digitalisiert werden, angetrieben von einer Richtlinie der Europäischen Union namens Inspire (Infrastructure for spatial information in europe). Ziel ist es, Geodaten wie beispielsweise die Koordinaten der Grenzpunkte länderübergreifend nutzbar zu machen. Völk ist sich sicher: „Es wird keine Grenze verschoben.“ Was es kosten wird, die Koordinaten in Einklang zu bringen, konnte noch niemand sagen.
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