Ehemalige Militärgelände in Stuttgart
Blühende Landschaften?
Thomas Faltin, veröffentlicht am 04.02.2010
Stuttgart - Es sollte erst hinterher eine berühmte, ja eine prophetische Rede werden: "Reißen Sie diese Mauer ein", rief US-Präsident Ronald Reagan am 12. Juni 1987 am Brandenburger Tor: "Tear down this wall!" Adressiert war die Aufforderung an den sowjetischen Generalsekretär Michail Gorbatschow, gemeint war natürlich die Berliner Mauer.
Doch nicht nur Gorbatschow kam der Bitte nach. Als 1989 der Kalte Krieg zu Ende ging, verließen die amerikanischen Streitkräfte in den folgenden vier Jahren zwei Dutzend Standorte in der Region Stuttgart - und danach fielen viele Mauern: Kasernen wurden eingerissen, und ganz neue Stadtteile wuchsen in die Höhe. Amerikanische Häuserblocks wichen Wohngebieten, und wo früher Panzer repariert wurden, zogen Firmen Gewerbehallen hoch.
"Bei uns war das eine partiell neue Stadtgründung", resümiert der Ludwigsburger Stadtarchivar Wolfgang Läpple. "In dieser Massierung hat es nie zuvor eine solche Entwicklungschance für die Stadt gegeben." Mit 17 US-Arealen ist Ludwigsburg am stärksten in der Region betroffen. Insgesamt sind im Großraum Stuttgart 600 Hektar US-Militärgelände frei geworden. Das entspricht fast 1000 Fußballfeldern oder der gesamten Markungsfläche kleinerer Gemeinden, wie Deizisau oder Wolfschlugen. Jede Stadt stand vor einer einzigartigen Herausforderung.
Ortswechsel. Wo heute der Scharnhauser Park liegt, wohnten früher in den Nellingen Barracks amerikanische Offiziere mit ihren Familien. Jetzt leben 6300 Bürger im Stadtteil. Es ist keine triste Betonhochhausvorstadt geworden, vielmehr dominieren niedrige, sehr variantenreich gebaute Wohnhäuser, gestrichen in warmen Farbtönen. Die Gebäude drängen sich aber eng aneinander, kaum eine Familie kann eine Terrasse oder gar einen Minigarten ihr Eigen nennen. Im Zentrum des Scharnhauser Parks erheben sich die Leuchtreklamen von Aldi, Lidl und Real wie Fanale der Neuzeit. "Ich würde nicht hier leben wollen", sagt eine Frau, die aus Scharnhausen zum Einkaufen hergekommen ist: "Das sind doch Kaninchenställe."
Solche Worte hört Bernd Kehrer gar nicht gerne. Der Sprecher der Stadt Ostfildern, zu der der Scharnhauser Park gehört, hat die Entwicklung des Stadtteils von Beginn an verfolgt und meint: "Im Konzept des Parks steckt sehr viel Hirnschmalz." Tatsächlich erschließt sich vieles erst auf den zweiten Blick. Eine breite, fast einen Kilometer lange Landschaftstreppe hält den Blick frei auf die Schwäbische Alb. Die Straßen in den Wohngebieten sind abgesperrt, so dass es keinen Durchfahrtsverkehr gibt. Ein modernes Rathaus in Sichtbeton setzt einen architektonischen Akzent. Und ein Energieplan schreibt für alle Gebäude Niedrigenergiebauweise vor.
Für diese minutiöse Planung hat der Scharnhauser Park sogar den Deutschen Städtebaupreis erhalten. Und tatsächlich mögen viele Bewohner ihre neue Heimat vom Reißbrett. Ein Mann, der mit seiner kleinen Tochter aus dem Stadthaus kommt, erzählt, dass er demnächst sein Auto abschaffen werde: "Die Stadtbahn hält vor dem Haus, alle notwendigen Geschäfte, Schulen und Behörden sind vorhanden, und in wenigen Minuten bin ich in Stuttgart. Ich fühle mich sehr wohl hier." Es ist, ohne dass dies zu Beginn schon so erdacht war, zwischen den vier historischen Stadtteilen Ostfilderns eine neue Mitte entstanden, die ganz urbane Architektur des 21. Jahrhunderts ausstrahlt.
Dennoch: alle neun Kommunen, die in der Region Stuttgart ehemalige US-Flächen umwandeln, müssen sich an einer Quadratur des Kreises versuchen - da kann man sich auch mal verheben. Denn einerseits wollen die Städte hochwertige Siedlungen entwerfen, die nicht den Samen zum Ghetto in sich tragen. Andererseits müssen sie in einem Ballungsraum wie Stuttgart sorgsam mit den teuren Flächen umgehen. Das aber bedeutet fast immer: kompakt bauen. Im Scharnhauser Park war dies gewollt. Nur durch kleinste Grundstücke seien die Wohnungen erschwinglich geblieben, sagt Kehrer - mit durchschnittlich 3000 Euro pro Quadratmeter gehörten die Wohnungen im Scharnhauser Park zu den günstigen Objekten rund um Stuttgart.
Hinter vorgehaltener Hand plaudert allerdings mancher Stadtplaner schon mal aus dem Nähkästchen. In gewissen Gebieten habe doch eher der Wunsch nach Gewinn im Vordergrund gestanden und weniger die Qualität oder ein ausgewogenes soziales Gefüge. Bernd Kehrer weist das zurück: Ostfildern werde lediglich eine schwarze Null erreichen, wenn in einigen Jahren die letzten Grundstücke bebaut sein werden. Und für den Burgholzhof in Stuttgart sagt Friedemann Gschwind, der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes: Wenn man lockerer gebaut hätte, gebe es dort heute keine Grundschule, weil man die dafür notwendige Einwohnerzahl nicht erreicht hätte. Rund 3000 Menschen wohnen auf dem Burgholzhof auf 13 Hektar - in Pattonville sind es 7000 auf 80 Hektar.
Wahr ist jedenfalls: angesichts der Größe der Areale und angesichts der Tatsache, dass mehrere Zehntausend Menschen dort eine neue Heimat gefunden haben, hat sich diese Konversion, wie man in Fachchinesisch sagt, recht still und konfliktfrei vollzogen. Im Stauferpark in Göppingen hatte es Ärger mit Anwohnern gegeben, weil die Stadt für eine große Firma die Gewerbefläche ausgeweitet hat. Und im Scharnhauser Park regten sich viele auf, weil die Hauptstraße durchs Zentrum gebaut wurde, während andere Kommunen um eine Ortsumfahrung kämpfen.
Insgesamt aber entzündeten sich wenige grundsätzliche Auseinandersetzungen. Woran das lag? Die Gemeinden haben sich fast immer selbst um die Vermarktung gekümmert, indem sie, wie zum Beispiel Kornwestheim, Remseck und Ludwigsburg für die ehemalige "Housing Area" Pattonville, einen Zweckverband gründeten. Meist wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, um ein hochwertiges Konzept aus einem Guss zu erhalten. Die Verheißung, die viele "Parks" im Namen führen, ließ sich zwar beileibe nicht überall erfüllen - im Großraum Stuttgart kann nicht jeder im Grünen wohnen. "Mir ist aber kein Beispiel in der Region bekannt, das ganz in die falsche Richtung gegangen wäre", sagt Christian Kübler, Stadtplaner in Kornwestheim. Beim Flugfeld in Böblingen ist zum Beispiel ein langgestreckter See der städtebauliche Höhepunkt.
Zudem hat die geballte Wirtschaftskraft des Südwestens viele Ideen beflügelt oder erst ermöglicht. In Nord- und Ostdeutschland dagegen tun sich die Vermarkter deutlich schwerer und müssen von vornherein kleinere Brötchen backen. "Es ist im Süden viel Hochwertiges geschaffen worden", sagt Hartmut Röder, der im Vorstand des Kompetenzzentrums für Konversion und Kampfmittelbeseitigung in Berlin sitzt.
Dieses Zentrum beschäftigt sich mit der Frage, wie Militärgelände sinnvoll genutzt werden können. "Diese Hochwertigkeit verleitet manche Kommune dazu, in vielleicht ungerechtfertigten Superlativen zu sprechen", so Röder. Vor allem bei den Gewerbegebieten geht die Besiedelung tatsächlich eher schleppend voran. Die Nachfrage ist, auch wegen der Finanzkrise, äußerst verhalten.
Röder fragt sich, ob man in der Region Stuttgart nicht teilweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat. Im Osten seien die alten Wohnhäuser und Hallen oft nicht abgerissen, sondern saniert worden. So entstanden dort häufig Wohnungen auch für sozial schwächere Menschen - in der ohnehin teuren Region Stuttgart dagegen könnten sich nur Besserverdienende die Häuser und Wohnungen leisten. Daneben, so Hartmut Röder, seien die alten Militärhallen für kleinere Firmen attraktiv, da sie dort ohne großes Eigenkapitel produzieren können. Im Süden dagegen wurde fast immer abgerissen, und die teuren Neubauten können sich nur potente Unternehmen leisten.
Der Stauferpark in Göppingen, mit 130 Hektar eines der größten ehemaligen US-Gelände, ist allerdings ein Musterbeispiel dafür, dass auch dieser Weg nicht zwangsläufig zum Erfolg führt. Denn dort hat man einige Kasernen erhalten - gerade dieses Gebiet weist aber deutliche soziale Probleme auf. Dagegen gehen die großen Grundstücke für Einfamilienhäuser in einem anderen Teil des Stauferparks gut weg: "Es kommen viele Menschen aus Winnenden oder Bad Cannstatt, weil sie sich den Traum vom eigenen Haus hier noch erfüllen können", sagt Martin Maier, der Leiter des städtischen Eigenbetriebs Stauferpark in Göppingen. 280 Euro kostet der Quadratmeter Boden. Zum Vergleich: im Ludwigsburger Wohngebiet am Sonnenberg, ebenfalls früheres US-Areal, zahlt man bis zu 590 Euro.
Tatsächlich ist im Großraum Stuttgart viel und schnell zerstört worden. Oft ließ man nur die denkmalgeschützten Gebäude stehen, wie die Alte Wache auf dem Flugfeld Böblingen, die jetzt ein Immobilienforum beherbergt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass eines Tages gerade diese Gebäude, trotz aller bedächtigen Planung und trotz aller städtebaulichen Akzente, die eigentlichen Ankerpunkte für Auge und Seele in den neuen Stadtvierteln werden. Denn niemand kann derzeit sagen, wie stark die Menschen die modernen Stadtteile annehmen und ob sie sich darin zu Hause fühlen.
Fast 20 Jahre ist es her, dass die Amerikaner abgezogen sind. Ob die Quartiere sich als städtebauliche Meisterleistung entpuppen oder doch als moderne Variante der trostlosen Vorstadt - das wird man wohl erst in weiteren 20 Jahren wissen. Angesichts der vielfältigen Nutzungen, die die gut zwei Dutzend früheren amerikanischen Areale in der Region Stuttgart erfahren haben, spricht sehr vieles dafür, dass es beides geben wird: blühende Landschaften und soziale Brennpunkte.
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"Im Konzept für den Scharnhauser Park steckt sehr viel Hirnschmalz."
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"Bei uns war das eine partiell neue Stadtgründung", resümiert der Ludwigsburger Stadtarchivar Wolfgang Läpple. "In dieser Massierung hat es nie zuvor eine solche Entwicklungschance für die Stadt gegeben." Mit 17 US-Arealen ist Ludwigsburg am stärksten in der Region betroffen. Insgesamt sind im Großraum Stuttgart 600 Hektar US-Militärgelände frei geworden. Das entspricht fast 1000 Fußballfeldern oder der gesamten Markungsfläche kleinerer Gemeinden, wie Deizisau oder Wolfschlugen. Jede Stadt stand vor einer einzigartigen Herausforderung.
Ortswechsel. Wo heute der Scharnhauser Park liegt, wohnten früher in den Nellingen Barracks amerikanische Offiziere mit ihren Familien. Jetzt leben 6300 Bürger im Stadtteil. Es ist keine triste Betonhochhausvorstadt geworden, vielmehr dominieren niedrige, sehr variantenreich gebaute Wohnhäuser, gestrichen in warmen Farbtönen. Die Gebäude drängen sich aber eng aneinander, kaum eine Familie kann eine Terrasse oder gar einen Minigarten ihr Eigen nennen. Im Zentrum des Scharnhauser Parks erheben sich die Leuchtreklamen von Aldi, Lidl und Real wie Fanale der Neuzeit. "Ich würde nicht hier leben wollen", sagt eine Frau, die aus Scharnhausen zum Einkaufen hergekommen ist: "Das sind doch Kaninchenställe."
Solche Worte hört Bernd Kehrer gar nicht gerne. Der Sprecher der Stadt Ostfildern, zu der der Scharnhauser Park gehört, hat die Entwicklung des Stadtteils von Beginn an verfolgt und meint: "Im Konzept des Parks steckt sehr viel Hirnschmalz." Tatsächlich erschließt sich vieles erst auf den zweiten Blick. Eine breite, fast einen Kilometer lange Landschaftstreppe hält den Blick frei auf die Schwäbische Alb. Die Straßen in den Wohngebieten sind abgesperrt, so dass es keinen Durchfahrtsverkehr gibt. Ein modernes Rathaus in Sichtbeton setzt einen architektonischen Akzent. Und ein Energieplan schreibt für alle Gebäude Niedrigenergiebauweise vor.
Eine kompakte Bauweise war gewollt
Für diese minutiöse Planung hat der Scharnhauser Park sogar den Deutschen Städtebaupreis erhalten. Und tatsächlich mögen viele Bewohner ihre neue Heimat vom Reißbrett. Ein Mann, der mit seiner kleinen Tochter aus dem Stadthaus kommt, erzählt, dass er demnächst sein Auto abschaffen werde: "Die Stadtbahn hält vor dem Haus, alle notwendigen Geschäfte, Schulen und Behörden sind vorhanden, und in wenigen Minuten bin ich in Stuttgart. Ich fühle mich sehr wohl hier." Es ist, ohne dass dies zu Beginn schon so erdacht war, zwischen den vier historischen Stadtteilen Ostfilderns eine neue Mitte entstanden, die ganz urbane Architektur des 21. Jahrhunderts ausstrahlt.
Dennoch: alle neun Kommunen, die in der Region Stuttgart ehemalige US-Flächen umwandeln, müssen sich an einer Quadratur des Kreises versuchen - da kann man sich auch mal verheben. Denn einerseits wollen die Städte hochwertige Siedlungen entwerfen, die nicht den Samen zum Ghetto in sich tragen. Andererseits müssen sie in einem Ballungsraum wie Stuttgart sorgsam mit den teuren Flächen umgehen. Das aber bedeutet fast immer: kompakt bauen. Im Scharnhauser Park war dies gewollt. Nur durch kleinste Grundstücke seien die Wohnungen erschwinglich geblieben, sagt Kehrer - mit durchschnittlich 3000 Euro pro Quadratmeter gehörten die Wohnungen im Scharnhauser Park zu den günstigen Objekten rund um Stuttgart.
Hinter vorgehaltener Hand plaudert allerdings mancher Stadtplaner schon mal aus dem Nähkästchen. In gewissen Gebieten habe doch eher der Wunsch nach Gewinn im Vordergrund gestanden und weniger die Qualität oder ein ausgewogenes soziales Gefüge. Bernd Kehrer weist das zurück: Ostfildern werde lediglich eine schwarze Null erreichen, wenn in einigen Jahren die letzten Grundstücke bebaut sein werden. Und für den Burgholzhof in Stuttgart sagt Friedemann Gschwind, der stellvertretende Leiter des Stadtplanungsamtes: Wenn man lockerer gebaut hätte, gebe es dort heute keine Grundschule, weil man die dafür notwendige Einwohnerzahl nicht erreicht hätte. Rund 3000 Menschen wohnen auf dem Burgholzhof auf 13 Hektar - in Pattonville sind es 7000 auf 80 Hektar.
Die geballte Wirtschaftskraft hat vieles ermöglicht
Wahr ist jedenfalls: angesichts der Größe der Areale und angesichts der Tatsache, dass mehrere Zehntausend Menschen dort eine neue Heimat gefunden haben, hat sich diese Konversion, wie man in Fachchinesisch sagt, recht still und konfliktfrei vollzogen. Im Stauferpark in Göppingen hatte es Ärger mit Anwohnern gegeben, weil die Stadt für eine große Firma die Gewerbefläche ausgeweitet hat. Und im Scharnhauser Park regten sich viele auf, weil die Hauptstraße durchs Zentrum gebaut wurde, während andere Kommunen um eine Ortsumfahrung kämpfen.
Insgesamt aber entzündeten sich wenige grundsätzliche Auseinandersetzungen. Woran das lag? Die Gemeinden haben sich fast immer selbst um die Vermarktung gekümmert, indem sie, wie zum Beispiel Kornwestheim, Remseck und Ludwigsburg für die ehemalige "Housing Area" Pattonville, einen Zweckverband gründeten. Meist wurde ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben, um ein hochwertiges Konzept aus einem Guss zu erhalten. Die Verheißung, die viele "Parks" im Namen führen, ließ sich zwar beileibe nicht überall erfüllen - im Großraum Stuttgart kann nicht jeder im Grünen wohnen. "Mir ist aber kein Beispiel in der Region bekannt, das ganz in die falsche Richtung gegangen wäre", sagt Christian Kübler, Stadtplaner in Kornwestheim. Beim Flugfeld in Böblingen ist zum Beispiel ein langgestreckter See der städtebauliche Höhepunkt.
Zudem hat die geballte Wirtschaftskraft des Südwestens viele Ideen beflügelt oder erst ermöglicht. In Nord- und Ostdeutschland dagegen tun sich die Vermarkter deutlich schwerer und müssen von vornherein kleinere Brötchen backen. "Es ist im Süden viel Hochwertiges geschaffen worden", sagt Hartmut Röder, der im Vorstand des Kompetenzzentrums für Konversion und Kampfmittelbeseitigung in Berlin sitzt.
Göppingen als "negatives Musterbeispiel"
Dieses Zentrum beschäftigt sich mit der Frage, wie Militärgelände sinnvoll genutzt werden können. "Diese Hochwertigkeit verleitet manche Kommune dazu, in vielleicht ungerechtfertigten Superlativen zu sprechen", so Röder. Vor allem bei den Gewerbegebieten geht die Besiedelung tatsächlich eher schleppend voran. Die Nachfrage ist, auch wegen der Finanzkrise, äußerst verhalten.
Röder fragt sich, ob man in der Region Stuttgart nicht teilweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat. Im Osten seien die alten Wohnhäuser und Hallen oft nicht abgerissen, sondern saniert worden. So entstanden dort häufig Wohnungen auch für sozial schwächere Menschen - in der ohnehin teuren Region Stuttgart dagegen könnten sich nur Besserverdienende die Häuser und Wohnungen leisten. Daneben, so Hartmut Röder, seien die alten Militärhallen für kleinere Firmen attraktiv, da sie dort ohne großes Eigenkapitel produzieren können. Im Süden dagegen wurde fast immer abgerissen, und die teuren Neubauten können sich nur potente Unternehmen leisten.
Der Stauferpark in Göppingen, mit 130 Hektar eines der größten ehemaligen US-Gelände, ist allerdings ein Musterbeispiel dafür, dass auch dieser Weg nicht zwangsläufig zum Erfolg führt. Denn dort hat man einige Kasernen erhalten - gerade dieses Gebiet weist aber deutliche soziale Probleme auf. Dagegen gehen die großen Grundstücke für Einfamilienhäuser in einem anderen Teil des Stauferparks gut weg: "Es kommen viele Menschen aus Winnenden oder Bad Cannstatt, weil sie sich den Traum vom eigenen Haus hier noch erfüllen können", sagt Martin Maier, der Leiter des städtischen Eigenbetriebs Stauferpark in Göppingen. 280 Euro kostet der Quadratmeter Boden. Zum Vergleich: im Ludwigsburger Wohngebiet am Sonnenberg, ebenfalls früheres US-Areal, zahlt man bis zu 590 Euro.
Blühende Landschaften und soziale Brennpunkte
Tatsächlich ist im Großraum Stuttgart viel und schnell zerstört worden. Oft ließ man nur die denkmalgeschützten Gebäude stehen, wie die Alte Wache auf dem Flugfeld Böblingen, die jetzt ein Immobilienforum beherbergt. Es ist aber nicht auszuschließen, dass eines Tages gerade diese Gebäude, trotz aller bedächtigen Planung und trotz aller städtebaulichen Akzente, die eigentlichen Ankerpunkte für Auge und Seele in den neuen Stadtvierteln werden. Denn niemand kann derzeit sagen, wie stark die Menschen die modernen Stadtteile annehmen und ob sie sich darin zu Hause fühlen.
Fast 20 Jahre ist es her, dass die Amerikaner abgezogen sind. Ob die Quartiere sich als städtebauliche Meisterleistung entpuppen oder doch als moderne Variante der trostlosen Vorstadt - das wird man wohl erst in weiteren 20 Jahren wissen. Angesichts der vielfältigen Nutzungen, die die gut zwei Dutzend früheren amerikanischen Areale in der Region Stuttgart erfahren haben, spricht sehr vieles dafür, dass es beides geben wird: blühende Landschaften und soziale Brennpunkte.
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