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Ein Bahnhof geht auf Tauchfahrt - Nachrichten welt_print - Politik - WELT ONLINE
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DIE WELT: 02.02.10 Drucken Versenden Bewerten

Ein Bahnhof geht auf Tauchfahrt

Heute beginnt der Bau von "Stuttgart 21" - Kritiker warnen vor dem teuersten und riskantesten Bahnprojekt Deutschlands

Von Hannelore Crolly

Stuttgart - Nein, sie werden sich den Baggern nicht mit Säuglingen im Tragetuch in den Weg stellen. Ein solcher gewaltloser Widerstand gegen den Baubeginn von "Stuttgart 21" sähe dann doch zu sehr nach Prager Frühling aus, das hieße, übers Ziel hinauszuschießen. Einige Gegner des Stuttgarter Bahnhofsumbaus haben zwar nachgedacht über diese plakative Form des Protests. Aber nun ist zum Baubeginn doch nur eine ganz normale Kundgebung angesetzt, mit hitzigen Reden und bissigen Transparenten gegen den "Stuss 21".

Die Versammlung am Stuttgarter Hauptbahnhof soll heute das Feierstündchen stören, zu dem die Deutsche Bahn, Bund, Land und Stadt einladen. Vor 800 Gästen aus Politik und Wirtschaft wollen die Projektpartner von "Stuttgart 21" gegen Mittag symbolisch den ersten Prellbock im Gleis 49 abmontieren. Damit hebt sich dann endgültig der Schlagbaum für eine der größten, teuersten, aber wohl auch umstrittensten Baustellen der Republik.

Zwei Jahrzehnte lang wurde in Bund, Land und Stadt über "S 21" debattiert und gestritten, es wurde geplant und verworfen, probegebohrt und nach Geldquellen gesucht für das größte Investitionsprojekt, das Baden-Württemberg in seiner Geschichte je in Angriff nahm. Mehrere Bürgerinitiativen, die das Projekt für eine gigantische Verschwendung halten, protestierten immer wieder lautstark, zuletzt mit einer Reihe von "Montagsdemonstrationen". Viele Stuttgarter Bürger haben Angst vor den jahrelangen Bauarbeiten, andere fürchten, dass andere wichtige Bahnprojekte kannibalisiert werden oder Land und Stadt sich finanziell verheben. Nach Angaben der Veranstalter zogen zuletzt jede Woche am Montagabend bis zu 3000 Menschen gegen das insgesamt mindestens sechs Milliarden Euro teure Projekt zu Felde.

Doch letztlich haben sich all jene durchgesetzt, die eine einmalige Entwicklungschance sehen für die reiche, gleichwohl provinziell anmutende Landeshauptstadt am Neckar. Er könne ohnehin nicht verstehen, dass dieses "Geschenk für Stuttgart" so wenig Vorfreude auslöse, hatte sich Bahn-Chef Rüdiger Grube jüngst bei einem Besuch im Herzen Baden-Württembergs gewundert. "Die Stadt wäre mit dem Klammerbeutel gepudert, würde sie ,Stuttgart 21' nicht annehmen." Stuttgarts City werde im neuen Gewand "weltweit höchste Anerkennung" erhalten. Vor seinem geistigen Auge sah Grube gar schon große Touristenströme anreisen, um "das modernste Projekt der Welt" zu bewundern.

Tatsächlich soll im Jahr 2019 im Herzen Stuttgarts nichts mehr so sein wie heute. Die Neckarmetropole bekommt ein völlig neues Gesicht verpasst. Dort, wo sich heute mitten im Zentrum ausufernde Gleisanlagen in einen breiten Kopfbahnhof aus den 20er-Jahren einfädeln, sollen Wohnungen entstehen, Geschäfte und Parks mit 5000 neuen Bäumen. Die Fläche ist so groß wie 140 Fußballfelder und bietet Raum für eine komplette, zweite City. Für Stuttgart ist der Geländegewinn Gold wert, denn die Stadt kann sich wegen ihrer Kessellage nicht mehr ausbreiten.

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Daher soll nun also der Stuttgarter Bahnhof unter die Erde wandern und vom Kopfbahnhof zur Durchgangsstation umgebaut werden. Licht bringen futuristisch anmutende Lichtschächte mit Bullaugen an der Erdoberfläche. Der Aufwand zum Bau ist gigantisch; denn die künftig nur noch acht statt 16 Gleise liegen im rechten Winkel zum bisherigen Schienenverlauf, 33 Kilometer Tunnel müssen daher allein im Stuttgarter Stadtgebiet in den Boden getrieben werden. Außerdem ist eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke Richtung Ulm geplant. Denn aus Sicht der Bahn ist Stuttgart bisher ein Nadelöhr. Noch schleichen die Züge mit nur 80 Stundenkilometern die Schwäbische Alb hinauf. Damit sich die Fahrzeit nach Ulm von 54 auf 28 Minuten verkürzt, müssen die Projektpartner aber 28 Brücken und zwei Dutzend Tunnel bauen.

Die Idee von "Stuttgart 21" stammt von dem in Stuttgart geborenen Ex-Bahn-Chef Heinz Dürr, der in Japan und den USA nach Inspiration suchte für das Problem der Kopfbahnhöfe. Denn an diesen verliert die Bahn viel Zeit beim Rangieren, die Einbindung in transeuropäische Netze ist schwierig. Auch andere Städte wie Frankfurt am Main ließen sich von Architekten Vorschläge machen für einen Umbau ihres Schienennetzes. Doch alle schreckten vor den immensen Kosten zurück - bis auf Stuttgart.

Dort bleibt überirdisch nur der Hauptteil des heutigen Bahnhofsgebäudes erhalten, als Zugang zum unterirdischen Verkehrsknotenpunkt. Die Seitenflügel des denkmalgeschützten Gebäudes, das nach Plänen von Architekt Paul Bonatz zwischen 1914 und 1928 gebaut worden war, sollen der Abrissbirne zum Opfer fallen. Dagegen indes will der Enkel des legendären Architekten eine Urheberrechtsklage einreichen, Ausgang ungewiss. Und das ist nur eine von vielen, großen Unbekannten in der Rechnung von "Stuttgart 21". Der Umbau im laufenden Bahnbetrieb ist eine logistische Großtat, nichts anderes als die Operation am offenen Herzen. In welchem Zustand sich der Patient nach dem Eingriff befindet, darüber kann nur spekuliert werden.

Das betrifft vor allem die Kosten. Die letzten Schätzungen lagen bei knapp 4,5 Milliarden Euro, die Kosten für die Strecke nach Ulm nicht mitgerechnet. Winfried Hermann, Verkehrsexperte der Grünen, hält indes Gesamtkosten für "zehn Milliarden plus x" für wahrscheinlich. Nur einen Teil davon kann die Bahn durch den Verkauf der Liegenschaften finanzieren. Der Rest bleibt am Steuerzahler hängen.

Hermann warnt vor dem "größten, unsinnigsten und teuersten Projekt der Bahngeschichte" und plädiert für die Modernisierung des Kopfbahnhofes. Wie er wollen viele Gegner nicht aufgeben: Die Montagsdemonstrationen gehen vorerst weiter. Die "S 21"-Kritiker hoffen auf späte Einsicht der Bahn.


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